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Donnerstag, 29. September 2011 Bürgerhaushalt auf Kreisebene: Ist das sinnvoll?

Bür­ger­haus­halte sind zur Zeit belieb­tes Mit­tel des Bür­ger­be­tei­li­gung. Sind sie aber All­heil­mit­tel und funk­tio­nie­ren Sie auf allen Ebe­nen? In sei­nem Gast­bei­trag erklärt Lenn­art Fey, warum er als Abge­ord­ne­ter des Kreis­ta­ges Her­zog­tum Lau­en­burg das für sei­nen Kreis kri­tisch sieht.

Der lau­en­bur­gi­sche Kreis­tag dis­ku­tierte im Sep­tem­ber über einen Antrag der Frak­tion DIE LINKE zur Ein­füh­rung eines Bürgerhaushaltes.

Die Idee eines Bür­ger­haus­hal­tes wurde in den 1980er Jah­ren in der bra­si­lia­ni­schen Stadt Porto Ale­gre von der Arbei­ter­par­tei Part­ido dos Tra­bal­ha­do­res ent­wor­fen und 1989 das erste Mal ange­wandt. Die deut­schen Bür­ger­haus­halte, wel­che sich von dem bra­si­lia­ni­schen Grund­mo­dell unter­schei­den, wur­den Ende der 90er Jahre geplant und zum Bei­spiel in Klein­städ­ten wie Castrop-​Rauxel durchgeführt.

Bei­spiel Ber­lin Lichtenberg

Auch der Ber­li­ner Bezirk Lich­ten­berg führte 2006 für den Haus­halt 2007 eine Betei­li­gung der Bür­ge­rin­nen und Bür­ger an den Bera­tun­gen ein. Die Pla­nung hier­für ging über Jahre. Schon 2003 gab es die ers­ten Pla­nun­gen, danach viele Infor­ma­ti­ons– und Wer­be­ver­an­stal­tun­gen. Nach­dem fünf dezen­trale Bür­ger­ver­samm­lun­gen statt­ge­fun­den hat­ten konn­ten die Inter­es­sier­ten auf dem Post­weg oder per Inter­net Vor­schläge, für Vor­ha­ben wel­che getä­tigt wer­den soll­ten, einbringen.

Ein Redak­ti­ons­team siebte aus über 360 ein­ge­gan­ge­nen Vor­schlä­gen die­je­ni­gen aus, wel­che mach­bar waren und wel­che unter die Zustän­dig­keit des Bezir­kes fie­len. Unter am Ende 42 Vor­schlä­gen konn­ten die Bür­ge­rin­nen und Bür­ger dann aus­wäh­len wel­che für die am Wich­tigs­ten waren.

Hier wur­den zum Bei­spiel der Aus­bau eines Rad­we­ge­net­zes oder die bes­sere Aus­stat­tung von Schu­len genannt.

Doch zurück ins Her­zog­tum Lauenburg

DIE LINKE begrün­dete ihren Antrag unter ande­rem damit, dass Poli­tik­ver­dros­sen­heit zurück­ginge, und dass ein Bür­ger­haus­halts­ver­fah­ren – wie zum Bei­spiel in Lich­ten­berg – posi­tiv bewer­tet wurde.

Ich bin der Mei­nung, dass ein Bür­ger­haus­halt auf Kreis­ebene die Poli­tik­ver­dros­sen­heit eher stärkt. Der Kreis Her­zog­tum Lau­en­burg ist wie viele Kreise in Schleswig-​Holstein hoch ver­schul­det. Viele, wenn nicht gar die meis­ten, Aus­ga­ben wer­den auf Grund von Lan­des– oder Bun­des­ge­set­zen getä­tigt. Der Anteil an frei­wil­li­gen Leis­tun­gen und der Anteil der Aus­ga­ben über die die Kreis­po­li­tik wirk­lich ent­schei­den sind gering — gefühlt im Pro­mil­le­be­reich. Die Bür­ge­rin­nen und Bür­ger wer­den mer­ken, dass sie bei einem Bür­ger­haus­halt nicht viel zu sagen haben. Sie wer­den mer­ken, dass viele ihrer Ideen nicht umge­setzt wer­den kön­nen, bzw. die wenigs­ten in die Zustän­dig­keit des Krei­ses fallen.

Und dann? „Scheiß Poli­tik. Erst groß ver­spre­chen und nun…?

Wir als Kreis­tags­ab­ge­ord­nete dür­fen den Bür­gern, dür­fen aber auch uns nichts vor­ma­chen. Es gibt nicht allzu viel zu ent­schei­den. Vie­les ist ein­fach nur Kennt­nis­nahme und Abnicken.

Neben eher gerin­ger Ent­schei­dungs­kom­pe­tenz zu den Kreis­fi­nan­zen gibt es noch ein zwei­tes Pro­blem: Der Kreis Her­zog­tum Lau­en­burg hat über 186.000 Ein­woh­ner auf über 1.200km² und nicht wie Lich­ten­berg 32.000 Ein­woh­ner auf 7km². Ich gehe davon aus, dass die Betei­li­gung in einen Flä­chen­kreis stark von der eines Stadt­be­zir­kes abweicht. Zum Einen weil die Wege län­ger sind, zum Ande­ren weil die Bür­ge­rin­nen und Bür­ger viel weni­ger mit der Kreis­ver­wal­tung zu tun haben. Über­le­gen wir ein­mal: Wann wart ihr das letzte Mal in eurer Kreis­ver­wal­tung? Noch nie? Oder bei der Anmel­dung eures Autos? Naja, ziem­lich sel­ten auf jeden Fall, außer ihr arbei­tet dort oder ihr seid Kreis­tags­ab­ge­ord­nete ;-).

Der Lau­en­bur­gi­sche Kreis­tag hat das ein­zig rich­tige getan: Er hat den Antrag gegen die Stim­men der Par­tei DIE LINKE abge­lehnt. Alles Andere wäre auch ein­fach nur schade gewe­sen, weil man den Bür­gern etwas vor­ge­macht hätte.

Den­noch: Die Betei­li­gung der Bür­ge­rin­nen und Bür­ger am poli­ti­schen Ent­schei­dungs­pro­zess ist wich­tig. Denn wie sagte Bert­hold Brecht:

Es ist eine demo­kra­ti­sche und inhalt­li­che Selbst­ver­ständ­lich­keit, dass die Men­schen das Haus, in dem sie leben wol­len, selbst pla­nen und gestal­ten können.“

Steffen Voß


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Kommentare
Das Zitat, dass Stef­fen ein­ge­bracht hat klingt gut, aber wenn für die Gestal­tung des Hau­ses noch nicht mal das Geld für die Tape­ten da ist, wird eine Betei­li­gung zur Farce.
Die Ver­wal­tung des Man­gels ist die Pflicht­auf­gabe der KT-​Abgeordneten, damit kann man nie­man­den für poli­ti­sche Betei­li­gung begeis­tern. Es ist schon für die Abge­ord­ne­ten schwer und frus­tie­rend genug, dass die Pflicht­auf­ga­ben prak­tisch die gesamte Finanz­kraft des Krei­ses bin­den. In einem Bür­ger­haus­halt kann es nur um die frei­wil­li­gen Leis­tun­gen gehen. Für die­sen Bereich wäre eine breite Betei­li­gung sehr zu begrü­ßen, aber eben nur, wenn es Hand­lungs­spiel­raum gibt.
#1 Rudolf Riep am 29.09.2011 22:57 (Antwort)

Wenn es nichts zu ent­schei­den gibt, ist auch das Kreis­par­la­ment über­flüs­sig! Wenn Lenn­art Ley zu sei­ner Mei­nung ste­hen würde, würde er die­ses Par­la­ment verlassen.

So sieht es ein­fach nur wie unde­mo­kra­ti­sches Fest­hal­ten an Klein­macht aus und Ver­hin­de­rung der Par­ti­zi­pa­tion der Bür­ger an den Fra­gen die den Kreis Lau­en­burg betref­fen.

Das ist mäch­tige Wahl­wer­bung für die Pira­ten. Die Lin­ken sind aus der Regie­rung in Ber­lin raus­ge­flo­gen. Auch wegen sol­cher alt­ba­cke­nen Betonpolitik.
#2 Jan Dark am 30.09.2011 12:53 (Antwort)

Du darfst nicht ver­ges­sen, dass die Kreis­tags­ab­ge­ord­ne­ten auch Bür­ger sind, die par­ti­zi­pie­ren. Sie sind sogar gewählt und haben ein Man­dat von einer Viel­zahl Bür­ge­rin­nen und Bürger.
#2.1 Steffen Voß am 01.10.2011 17:14 (Antwort)

„…sol­cher alt­ba­cke­nen Beton­po­li­tik“ diese Kate­go­ri­sie­rung und Zuord­nung ergibt sich nicht logisch aus dem Dis­kus­si­ons­strang. Ich nehme an, dass sie Aus­druck der Unzu­frie­den­heit mit den poli­ti­schen Ver­hält­nis­sen ist.
„Klein­macht“ und „Ver­hin­de­rung der Par­ti­zi­pa­tion“ sind eben­sol­che Nebel­ker­zen. Die Arbeit der Kreis­tags­ab­ge­ord­ne­ten als „unde­mo­kra­ti­sches Fest­hal­ten“ zu bezeich­nen stellt aller­dings eine üble Ver­dre­hung der Tat­sa­chen dar.
Die gewähl­ten Abge­ord­ne­ten haben die Pflicht, die haupt­amt­li­che Ver­wal­tung zu ergän­zen. Das ist das bür­ger­li­che Kon­troll­sys­tem, dass wir in allen wich­ti­gen Belan­gen unse­rer Ver­fas­sung haben. Dar­auf zu ver­zich­ten, weil der Gestal­tungs­spiel­raum wegen der Finanz­struk­tur der öffent­li­chen Haus­halte gering ist, wäre fahr­läs­sig und unde­mo­kra­tisch. Gut dass Lenn­art sich nicht auf diese schräge Argu­men­ta­tion einlässt.
#2.2 Rudolf Riep am 01.10.2011 22:44 (Antwort)

@Rudolf: Das Zitat habe ich eingebracht. ;-)Ich bin ja für Betei­li­gung, aber nur wenn es was zu betei­li­gen gibt.

@Jan Dark: Ich stehe zu mei­ner Mei­nung und werde den­noch nicht aus dem Kreis­tag aus­schei­den. Ja, ich finde es schlecht, dass der Kreis­tag kaum etwas zu ent­schei­den hat, aber ich werde ver­su­chen dies zu ändern. Die frü­here Magis­trats­ver­fas­sung hat den Kom­mu­nal­po­li­ti­kern mehr Macht gege­ben, aber sie wurde lei­der abge­schafft. Nun müs­sen Wege gefun­den wer­den, solch eine Kom­mu­nal­ver­fas­sung (oder ähnli­ches) wie­der ein­zu­füh­ren. Dafür werde ich kämpfen.
#3 Lennart Fey am 01.10.2011 08:50 (Antwort)


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