Arbeitskreis Digitale Gesellschaft

SPD Schleswig-Holstein

19. November 2015

Big Data/Veranstaltung
Datenschutz muss attraktiver werden!

Foto: Axion23 - CC BY 2.0

„Big Data und Verbraucherschutz“, Zukunftsdiskurs der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn, 16.11.2015

Big Data sei zum Stichwort für die Datenauswertung geworden, sagt Jeanette Rußbült von der Friedrich-Ebert-Stiftung zur Eröffnung des Zukunftsdiskurses „Big Data und Verbraucherschutz“ in Bonn. Wir wüssten nicht, wer welche Daten von uns hätte, kritisiert sie, obwohl es rechtlich mal so angedacht war. Und doch: das Versprechen eines staufreien Fahrens – sei das nicht eine Idee, der alle zustimmen würden?

Dr. Barbara Kolany-Raiser, Juristin an der Universität Münster, Christian Horchert vom Chaos Computer Club (CCC), Ulrich Kelber, MdB und Staatssekretär beim Bundesminister für Justiz und Verbraucherschutz, sowie Markus Morgenroth, Datenanalyst und Autor des Buches Sie kennen dich! Sie haben dich! Sie steuern dich!, diskutierten u. a. darüber, wie im Big-Data-Zeitalter unsere Rechte und der Verbraucherschutz gewährleistet werden können.

Davon, dass Big Data gut sei und man sich die Zukunft ohne Big Data gar nicht mehr vorstellen könne, müsse man Markus Morgenroth, der als Softwareingenieur in Silicon Valley gearbeitet hat, gar nicht überzeugen. Man solle sich aber über die Risiken im Klaren sein und sie kritisch hinterfragen, betont er.

Er berichtet von Bewegungsprofile erstellenden Mülleimern und Schaufensterpuppen, die mit eingebauten Kameras die Passanten filmen und ihr Verhalten analysieren– wie lange sie vor dem Schaufenster bleiben, wohin sie gucken etc. Rechtlich gesehen reiche dafür ein Hinweis an der Eingangstür, dass im Shop per Videoüberwacht wird.

Elektronische Zahnbürsten, die man mit dem iPhone koppeln kann, helfen mit lustigen Auswertungsmöglichkeiten dabei, die Putztechnik zu optimieren und Kinder beim Zähneputzen zu überwachen. Das Problem: Die Daten landen bei einem unbekannten Unternehmen, und man weiß nicht, was damit geschieht. Es kann sein, dass man in einigen Jahren von der Versicherung eine Info bekommt, dass man früher doch nicht so oft die Zähne geputzt hätte, daher müsste der Tarif erhöht werden. Zwar sei ein solches Vorgehen bisher in Deutschland nicht üblich. Markus Morgenroth ist aber überzeugt davon, dass es bald so kommen wird.

Vorteile von Big Data liegen auf der Hand, sagt Morgenroth, doch es gäbe auch Risiken. Und zählt auf: Daten werden falsch gedeutet, Analysen arbeiten häufig mit Wahrscheinlichkeiten; Daten gehen auf Wanderschaft, und Datendiebstahl und Cyberkriminalität nehmen drastisch zu (man kann sich heute bspw. einen Hacker mieten).

Kinder, die noch nicht schreiben können, sind bereits online. Was tun? Einerseits sei die Politik gefordert. Strengere Gesetze, Richtlinien und härtere Strafen seien nötig. Mehr Ressourcen für Datenschützer. Andererseits sind die Verbraucher selbst gefragt: Vom Internetführerschein sei die Rede. „Wir brauchen mehr Regeln für den Umgang der Gesellschaft mit Big Data“, fordert Morgenroth. „Datenschutz muss attraktiver werden!“

Doch sei es nicht gefährlich, den Menschen zu sagen, dass sie selbst die Verantwortung übernehmen müssen?, fragt Ulrich Kelber.

Tatsächlich bestehe die Möglichkeit, im Internet Dienste anonym zu benutzen, sagt Christian Horchert, IT-Sicherheitsberater und Mitglied im CCC, man müsse aber bei den Nutzern Verständnis dafür entwickeln. Bei der Verschlüsselung, merkt er an, sei das Verständnis hoch. Das Bewusstsein sei demzufolge also vorhanden. Heute gebe es jedoch auch eine Menge von Daten, die gar nicht als personenbezogene Daten betrachtet werden, dennoch ließen sich daraus Erkenntnisse ziehen, die personenbezogen sind.

Für Barbara Kolany-Raiser ist es auch ein Unterschied, ob die Daten deswegen erfasst, weil die Krebsforschung sie benötigt oder ob es Gesundheitsdaten für die Versicherungen sind, die per schickem Fitnessband abgefragt werden. Mit Letzteren will man den Verbraucher zu mehr Tun für seine Gesundheit anregen, das sei prinzipiell erst mal gut. Das Problem hierbei: Die gesetzlichen Krankenkassen leben das Solidaritätsprinzip, die privaten nicht. Während bei gesetzlichen Krankenkassen alle Mitglieder von den Erkenntnissen und ggf. niedrigeren Tarifen profitieren, können die privaten Versicherungen individuelle Tarife bestimmen. Es stellt sich also die Frage, so Kolany-Raise, ob die Politik für die privaten Krankenkassen nicht auch das Solidaritätsprinzip überlegen sollte.

Zum Schluss ist sie wieder da: die Vision vom selbst fahrenden Auto. Und das Versprechen des staufreien Fahrens. Sobald sich Stau auf einer Strecke bildet, können die Daten vernetzter Fahrzeuge ausgewertet und der Verkehr auf alternative Strecken umgeleitet werden. Doch wer erhält Vorfahrt? Könne man sich dann als Porsche-Fahrer eine schnelle Strecke kaufen?, hinterfragt Ulrich Kelber, oder „wird es per Zufall entschieden, wer welche Strecke fährt?“ Das sind gesellschaftliche Fragen. Fragen, die sich Sozialdemokraten stellen sollten.

 

Aleksandra Sowa

Leitete zusammen mit dem deutschen Kryptologen Hans Dobbertin das Horst Görtz Institut für Sicherheit in der Informationstechnik. Dozentin, Fachbuchautorin (u.a. "Management der Informationssicherheit", "IT-Revision, IT-Audit und IT-Compliance"), kürzlich erschien im Dietz-Verlag "Digital Politics - so verändert das Netz die Politik". Hier äußert sie ihre private Meinung.#Foto by Mark Bollhorst (mark-bollhorst.de)

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