Arbeitskreis Digitale Gesellschaft

SPD Schleswig-Holstein

27. September 2015

Wirtschaft
Der digitale Taylorismus

Analoger Fließbandarbeiter
Analoger Fließbandarbeiter | Foto: pixabay

Die legendäre Schumpeter-Kolumne des aktuellen The Economist vom 12. September 2015 stellt die neue Version des Taylorismus vor: den „Digital Taylorism[1]. Der digitale Taylorismus verbindet die Prinzipien des „guten Managements“ des traditionellen Taylorismus mit digitalen Technologien und weitet das Model auf ein größeres Spektrum von Mitarbeitern aus. Neben den Industriearbeitern sind davon auch Servicearbeitskräfte und die sogenannten Wissensarbeiter (zu denen u. a. Softwareentwickler, Juristen, Ärzte, Ingenieure, Buchhalter, Architekten etc. zählen) betroffen. Dazu gehören auch Manager, die vom Sockel der „lords of creation“, auf den sie der traditionelle Taylorismus gehievt hat, gestürzt und zu „mere widgets in the giant corporate computer“ reduziert wurden.

Wie der kürzlich in der New York Times veröffentlichte Artikel darüber, dass Amazon tayloristische Methoden nutzt um seine Produktivität zu steigern, beweist, lässt sich Taylorismus nicht nur auf fast alle Mitarbeiter ausweiten, er ermöglicht auch eine nahezu lückenlose Überwachung und Kontrolle dieser Personalressourcen[2]. Eine Performancemessung im Sinne des „produktiven Personalmanagements“ würde bedeuten, Leistung überwachen zu wollen, um die Besten zu identifizieren – und sie zu fördern. Mit den Worten von Bill Gates ausgedrückt: „[…] a great writer of software code is worth 10,000 times the price of an overage software writer.“

Doch Internetkonzerne wie Amazon nutzen offenbar die Instrumente des Monitoring und Mitarbeiterranking nicht dazu, um die Besten zu belohnen, sondern um die Schlechtesten zu „pflücken“: „[…] workers are constantly measured and those who fail to hit the numbers are ruthlessly eliminated, personal tragedies notwithstanding.“

Der digitale Taylorismus scheint aggressiver als sein „analoger“ Vorgänger zu wirken, beobachtet der Kolumnist. Doch was sagen die entthronten Manager dazu? Sie geben sich offenbar mit dem Mikromanagement zufrieden, solange am Ende des Jahres ein Bonus winkt. Die Gewerkschaften? In Deutschland haben sie signalisiert, keine Spielverderber der Digitalisierung und Automatisierung sein zu wollen. Die Verträge enthalten heute schon Schlupflöcher, die Leistungskontrolle ermöglichen würden. Und die Mitarbeiter bekommen schon mal vom Betriebsrat zu hören, dass die Leistungsüberwachung doch nur zu ihrem Besten sei. In den USA, wo Firmen wie Google oder Facebook sich als Orte des Überflusses, der Edelkantinen, Spielrutschen, Partys und Fruchtsaftstationen präsentieren, ähnlich den feudalen Landherren, stets um das Wohl der Vasallen besorgt, scheinen die Gewerkschaften sowieso keinen Sinn mehr zu haben. Und die Investoren? Denen gefällt das, schließt der Kolumnist aus der Reaktion des Aktienmarktes auf die Publikation des NYT-Artikels: Seitdem klettert der Aktienpreis von Amazon stets nur nach oben.

Aggressiv oder nicht, langfristig würde die Digitalisierung den digitalen Taylorismus überflüssig machen. „[W]hy turn workers into machines when machines can do ever more?“, pointiert sarkastisch The Economist. Wenn jeder zweite Mitarbeiter demnächst durch eine Maschine ersetzt wird, sei sowieso klar, wer im Ranking nach unten fällt. Und die Menschen würden produktiver und motivierter arbeiten, wenn sie nicht überwacht werden, wie aktuelle Studien bestätigen. Aus diesen Grund hätten Firmen wie Microsoft, General Electrics oder Accenture inzwischen darauf verzichtet, ihre Mitarbeiter zu ranken.

 

[1] The Economist. 2015. „Schumpeter: Digital Taylorism“, in: The Economist, 12.9.2015, S. 63, auch: http://www.economist.com/news/business/21664190-modern-version-scientific-management-threatens-dehumanise-workplace-digital (Zugriff: 13.9.2015)

[2] NYT. 2015. „Inside Amazon: Wrestling Big Ideas in a Bruising Workplace“, 15.8.2015, http://www.nytimes.com/2015/08/16/technology/inside-amazon-wrestling-big-ideas-in-a-bruising-workplace.html (Zugriff: 13.9.2015)

Aleksandra Sowa

Leitete zusammen mit dem deutschen Kryptologen Hans Dobbertin das Horst Görtz Institut für Sicherheit in der Informationstechnik. Dozentin, Fachbuchautorin (u.a. "Management der Informationssicherheit", "IT-Revision, IT-Audit und IT-Compliance"), kürzlich erschien im Dietz-Verlag "Digital Politics - so verändert das Netz die Politik". Hier äußert sie ihre private Meinung.#Foto by Mark Bollhorst (mark-bollhorst.de)

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