Arbeitskreis Digitale Gesellschaft

SPD Schleswig-Holstein

24. Mai 2015

Buchtipp
Digital Detox für digitale Junkies

By: Davide Restivo - CC BY-SA 2.0

„Mittlerweile setzt sich in nationalen und internationalen Fachkreisen die Erkenntnis durch, dass wir es bei der Internetabhängigkeit tatsächlich mit einem eigenständigen Krankheitsbild im Sinne der Suchterkrankung zu tun haben.“1, stellt Dr. med. Bert te Wildt, Oberarzt der Ambulanz der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie des LWL-Universitätsklinikum in Bochum, in seinem Buch Digital Junkies, fest.

Es sind zunehmend junge Menschen, die sich vom „diesseits der physischen Welt abwenden, um ihr Leben ins Jenseits der digitalen Welt zu verlagern“2. Aber auch Online-Workaholism gehört zu den Varianten der Internetabhängigkeit. Länger bekannte Arten sind Online-Computerspiel-Abhängigkeit, Abhängigkeit von sozialen Netzwerken und Cybersexsucht. Digitale Varianten von Verhaltenssucht kamen später hinzu: die Online-Glücksspiel-Sucht, die Online-Shopping-Sucht – und der Online-Workaholism.

Häufig ist die Abhängigkeit so fundamental, dass sie einem vorläufigen Suizid gleichkommt. Dann sind die Internetabhängigen praktisch wie emotional nicht mehr fähig, in der realen Welt zu überleben. Te Wildt berichtet aus seiner Praxis von Patienten, die, wenn ihnen ihre digitale Lebensgrundlage vorenthalten wird, lebensmüde werden oder ihre Mitmenschen tätlich angreifen.

Hilfe bei Internetabhängigkeit würde man natürlich zuerst im Internet suchen. Wer beispielsweise seine Facebook-Sucht in Griff bekommen möchte, kann auf ein Browser-Add-On „Timewaste Timer“ zurückgreifen3. Der Nutzer bestraft sich freiwillig für die Zeitverschwendung mit den „gelikten Freunden“. Die Software erfasst die Zeit, welche man auf Facebook verbracht hat und bucht pro Stunde ein Dollar vom „Timewasting Deposit Account“ ab, auf das man vorher 20 Dollar eingezahlt hat.

Doch im Notfall sollte man ohne zu zögern einen psychologischen Notdienst anrufen. Der professionell begleitete Zwangsentzug von Internet und die „Resozialisierung“ zurück in die reale Welt sind in extremen Fällen die Gegenmaßnahmen. Doch „abrupte Abstinenz ohne psychotherapeutische Begleitung ist gefährlich“, warnt te Wildt, „im schlimmsten Fall [kommt es] zu depressiven oder aggressiven Krisen, die einen Betroffenen bis zum Suizid oder Mord bringen können“4. In keinem Fall sollte man selbst den Versuch unternehmen, dem Süchtigen den Internetstecker zu ziehen, warnt te Wildt.

Damit es nicht so weit kommt, empfiehlt te Wildt Präventivmaßnahmen. Man muss heute oft erst als Erwachsener lernen, wie man die Kommunikation entschleunigt und dem medialen Burn-out entkommt. Das heißt: Erreichbarkeit eingrenzen und die (reale) Präsenz erhöhen. Machen Sie mal was Verrücktes, rät te Wildt, gehen Sie in das Nebenbüro und besuchen Sie Ihren Kollegen, anstelle ihm eine E-Mail zu schreiben. Oder bereiten Sie Ihre Präsentation mal ohne Power Point vor.

Das richtige Medienzeitmanagement hilft dabei, den enormen Druck, den die digitale Revolution in der Arbeitswelt erzeugt, zu entkommen. „Es geht um den Stress, der sich aus der Beschleunigung der Kommunikation sowie aus der permanenten Erreichbarkeit ergibt“5, so te Wildt, aber auch um den Druck, sich immer schneller den neuen technischen Veränderungen anpassen zu müssen, und die unterschwellige Furcht, in der automatisierten und robotisierten Welt der Zukunft „völlig überflüssig zu werden“6.

Te Wildt, Bert. 2015. Digitale Junkies. Internetabhängigkeit und ihre Folgen für uns und unsere Kinder. Droemer Verlag: München. 384 S., 19,99 €.

1 Te Wildt, Bert (2015) Digital Junkies. Droemer Verlag: München, S. 10.

2 Ebd., S. 362.

3 Kliemann, Thomas (2015) „Bestrafe dich für deine Facebook-Sucht“. In: General Anzeiger Nr. 38077, 30.4./1.5.2015, S. 1

4 Te Wildt, Bert (2015) Digital Junkies. Droemer Verlag: München, S. 305.

5 Te Wildt, Bert (2015) Digital Junkies. Droemer Verlag: München, S. 311.

6 Ebd.

Aleksandra Sowa

Leitete zusammen mit dem deutschen Kryptologen Hans Dobbertin das Horst Görtz Institut für Sicherheit in der Informationstechnik. Dozentin, Fachbuchautorin (u.a. "Management der Informationssicherheit", "IT-Revision, IT-Audit und IT-Compliance"), kürzlich erschien im Dietz-Verlag "Digital Politics - so verändert das Netz die Politik". Hier äußert sie ihre private Meinung.#Foto by Mark Bollhorst (mark-bollhorst.de)

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