Arbeitskreis Digitale Gesellschaft

SPD Schleswig-Holstein

1. Juli 2016

Zukunftsgespräche
Ambivalenz des Fortschritts, oder: gibt es Facebook in zehn Jahren noch?

Foto: Metropolico.org - CC BY-SA 2.0

Peter Thiel, Mit­be­grün­der von Pay­Pal und mitt­ler­wei­le Wag­nis­ka­pi­tal­ge­ber, hält die Inno­va­ti­ons­kraft in den USA für erlahmt: „Wir woll­ten flie­gen­de Autos, und statt­des­sen haben wir 140 Zei­chen bekom­men“, sagt er. Mitt­ler­wei­le herrscht auch in den deut­schen Medi­en gro­ßer Skep­ti­zis­mus: Wir wür­den nur noch die Gegen­wart ver­wal­ten, sei­en des Fort­schritts unfä­hig gewor­den und arbei­ten immer noch die To‐​do‐​Liste aus den 1960ern ab. For­schung, Inno­va­ti­on, Fort­schritt: Nihil novi.

„Wo sehen Sie sich in zehn Jah­ren?“ – eine tief­grün­di­ge Fra­ge (unge­fähr so tief­grün­dig wie die nach den per­sön­li­chen Stär­ken und Schwä­chen), die zumeist in Bewerbungs‐ und Moti­va­ti­ons­ge­sprä­chen mecha­nisch von apa­thi­schen Per­so­na­lern gestellt wird. Eine Fra­ge, die wir inzwi­schen rou­ti­niert beant­wor­ten kön­nen. Doch wie sieht die Welt in zehn Jah­ren aus? Und war­um ist es über­haupt wich­tig, dass wir uns dar­über Gedan­ken machen?

Weil die Gegen­wart die Zukunft beein­flusst, ant­wor­tet der bel­gi­sche Phi­lo­soph Pas­cal Cha­bot. Das, was wir heu­te ersin­nen, treibt die Inno­va­tio­nen und Ide­en von mor­gen an. Doch auch umge­kehrt – die Zukunft beein­flusst die Gegen­wart., indem die Visio­nen der Zukunft, die Zukunfts­mo­del­le, Science‐​Fiction‐​Romane und -Fil­me – von StarT­rek, Matrix, Ter­mi­na­tor, über Isaac Asi­movs Robo­ter­ge­schich­ten oder Foun­da­ti­on Tri­lo­gie, Sta­nis­law Lems Sola­ris oder Der Futu­ro­lo­gi­sche Kon­gress –, denen wir dank VR‐​Brille von Face­book jetzt erstaun­lich nahe­kom­men kön­nen – die Ide­en von heu­te spei­sen. So zum Bei­spiel die Teene‐​Komödie Zurück in die Zukunft, die uns im Jahr 1985 eine Visi­on des Jah­res 2015 bescher­te. Uns wur­den Welt­raum­rei­sen ver­spro­chen, wir soll­ten frem­de Wel­ten kolo­ni­sie­ren, durch die Zeit rei­sen und eine Mond­ba­sis bau­en. Da das aber alles wider Erwar­ten nicht ein­ge­tre­ten ist, schei­nen unse­re Zukunfts­per­spek­ti­ven auf weni­ge Alter­na­ti­ven geschrumpft zu sein. Wir beka­men Face­book. Und Talk­shows.

So ver­wun­dert es nicht wei­ter, dass die bei­den Zeit­rei­sen­den aus dem Jahr 1985, Mar­ty McFly und Doc Brown aus Zurück in die Zukunft, für ihre Lan­dung am legen­dä­ren 22. Okto­ber 2015 aus­ge­rech­net die Jim­my Kim­mel Talk­show aus­ge­wählt haben. Und erfuh­ren: Flie­gen­de Autos gibt es nicht, How­er­boards auch nicht, Schuh­schnür­sen­kel muss man sich auch noch eigen­hän­dig zubin­den. Kein Pro­blem, das Bes­te an der Zukunft sei­en sowie­so die Smart­pho­nes, erklärt der Talk­mas­ter. Die­ser klei­ne Super­com­pu­ter, der es einem Wis­sen­schaft­ler ermög­li­chen wür­de, kom­ple­xe Berech­nun­gen in Real Time anzu­stel­len – Doc Brown erkennt sofort das Poten­zi­al die­ser Erfin­dung –, wer­den von den Men­schen dafür benutzt, sich gegen­sei­tig lachen­de Gesich­ter (Smi­leys) zu schi­cken. „Ver­zei­hen Sie die Fra­ge“, misch­te sich Mar­ty McFly ali­as Micha­el J. Fox in die Kon­ver­sa­ti­on ein, „aber was zum Teu­fel haben Sie in den letz­ten drei­ßig Jah­ren gemacht?“

Zwei­fel an der Metho­de

Pro­gno­sen sind eine schwie­ri­ge Sache, so Mark Twain, vor allem, wenn sie die Zukunft betref­fen. Die Geschwin­dig­keit, mit der die Ver­än­de­run­gen heut­zu­ta­ge ein­tre­ten, macht es noch schwie­ri­ger, künf­ti­ge Trends vor­her­zu­sa­gen. Beson­ders, da es an der Metho­de Zwei­fel gibt, aus his­to­ri­schen Daten Trends der Zukunft ablei­ten zu kön­nen. „Mit Induk­ti­on kann man allen­falls Ten­denz­aus­sa­gen für das Ver­hal­ten gro­ßer Grup­pen machen“, sagt der Wie­ner Öko­nom Rahim Tag­hizade­gan der Wirt­schafts­Wo­che (22/27.5.2016). Die Pro­gnos­ti­ker wür­den his­to­ri­sche Daten sam­meln, die Rück­schlüs­se auf Zusam­men­hän­ge in der Ver­gan­gen­heit zulas­sen, aber aus denen sich kei­ne Gesetz­mä­ßig­kei­ten ablei­ten las­sen, die tref­fen­de Aus­sa­gen über die Zukunft ermög­lich­ten. „Wenn ich sechs Tage hin­ter­ein­an­der Oran­gen­saft trin­ke, kann es sein, dass ich am sieb­ten Tag Apfel­saft bestel­le. Aus der Beob­ach­tung, dass ich sechs Tage Oran­gen­saft getrun­ken habe, lässt sich nicht fol­gern, dass ich nur Oran­gen­saft trin­ke“, sag­te Tag­hizade­gan. Men­schen sei­en frei in ihren Ent­schei­dun­gen. Des­we­gen sei die deduk­ti­ve Metho­de – und nicht die Regres­si­ons­ana­ly­se – geeig­net, um öko­no­mi­sche Zusam­men­hän­ge zu erken­nen und dar­aus dann poten­zi­el­le Trends abzu­lei­ten.

Sehr ver­ein­facht gesagt: Bevor sich der Mensch mit künst­li­chen Intel­li­genz (KI) aus­ein­an­der­setzt, muss er sich noch mit der natür­li­chen Intel­li­genz befas­sen. Genau genom­men: mit sei­ner eige­nen. Dazu gehört die Erkennt­nis, dass nicht jedes Pro­gramm, das gro­ße Daten­men­gen aus­wer­ten und die Ent­schei­dungs­fin­dung unter­stüt­zen­de Aus­sa­gen lie­fern kann, auto­ma­tisch künst­li­che Intel­li­genz ist. Vor zehn Jah­ren hät­ten wir nicht im Traum dar­an gedacht, Soft­ware wie SPSS oder IDEA als KI zu bezeich­nen. Doch genau das tun schon seit Jah­ren die­se Pro­gram­me: Daten aus­wer­ten, Gesetz­mä­ßig­kei­ten fest­stel­len, Ergeb­nis­se lie­fern, die Ent­schei­dun­gen ermög­li­chen. Even­tu­ell mit dem Unter­schied, dass die Aus­wer­tun­gen heu­te schnel­ler und hypo­the­sen­frei erfol­gen. Heißt aber lan­ge noch nicht: bes­ser.

Wer hat die Macht?

Doch mit dem Fort­schritt ist die Tech­no­lo­gie immer unzu­gäng­li­cher gewor­den. Im 21. Jahr­hun­dert ver­liert der Mensch den Bezug zu den ihn umge­be­nen Maschi­nen. Nicht nur als deren Nut­zer. Zuneh­mend auch als ihr Schöp­fer. Er kennt die Funk­ti­ons­wei­se der Gerä­te, die er täg­lich benutzt, nicht mehr. Er kann sie auch nicht mehr repa­rie­ren. In grau­er Vor­zeit war jedem Men­schen sowohl die Funk­ti­on als auch die Struk­tur sei­ner Werk­zeu­ge, vom Ham­mer bis zu Speer und Bogen, bekannt, beob­ach­tet Sta­nis­law Lem. In ana­lo­ger Zeit konn­te man mit einem Schrau­ben­zie­her das Auto auseinander‐ und wie­der zusam­men­bau­en. Im digi­ta­len Zeit­al­ter braucht man dazu ein Infor­ma­tik­stu­di­um.

Vie­le Men­schen schei­nen sich heu­te nicht mehr in der Posi­ti­on zu sehen, den Fort­schritt aktiv beein­flus­sen zu kön­nen. Ins­be­son­de­re in Bezug dar­auf, wel­che Trends und Tech­no­lo­gi­en die jun­gen Genera­tio­nen ver­stärkt nut­zen und so, als kri­ti­sche Mas­se, deren Wachs­tum und Ver­brei­tung for­cie­ren. Wir könn­ten aller­dings der jun­gen Genera­ti­on Vor­bild und Weg­wei­ser sein. Ins­be­son­de­re, wenn es um die Fra­gen des Daten­schut­zes und der Sicher­heit geht. Eltern machen sich im ihre Kin­der Sor­gen. Oft nur des­we­gen benut­zen sie Insta­gram oder Whats­App. Um ein Stück Kon­trol­le über ihre Kin­der zu behal­ten. Und weil sie sie sonst gar nicht mehr errei­chen wür­den: SMS nutzt heu­te kaum noch jemand, E‐​Mail ist zu auf­wen­dig, und das Tele­fo­nie­ren ist out. Gibt es in zehn Jah­ren Face­book noch? Die­se Fra­ge stell­te ein Vater sei­nen 14 und 16 Jah­re alten Kin­dern. Face­book? Sie wür­den kein Face­book nut­zen, das wäre was für die Alten. 40 plus oder älter. Die Jugend von heu­te schwört dage­gen auf Whats­App und Snap­chat. Womit sie womög­lich eine grö­ße­re Sen­si­bi­li­tät für die Fra­gen der Pri­vat­heit und Ver­trau­lich­keit beweist als die älte­re Genera­ti­on. Wenn man mal vom Skan­dal um Snapshot absieht, er wür­de die Daten, Vide­os und Bil­der, die laut Geschäfts­mo­dell des Unter­neh­mens nach dem Abru­fen auto­ma­tisch gelöscht wer­den, nicht wirk­lich löschen.

Zukunft zwi­schen Dys­to­pie und Uto­pie

Die Inter­net­kon­zer­ne Face­book, Goog­le oder Apple kumu­lie­ren exor­bi­tan­te Men­gen an sen­si­blen, per­so­nen­be­zo­ge­nen Daten, oft ohne Kennt­nis oder expli­zi­te Zustim­mung ihrer Nut­zer. Die gute oder schlech­te Ver­wen­dung die­ser Daten – im Sin­ne der Men­schen oder gegen sie – liegt allei­ne in der Gunst der Kon­zer­ne, die – wie Bruce Schnei­er es aus­drückt – feu­da­le Macht über die Daten ihrer Kun­den erlan­gen und aus­üben kön­nen.

Sze­na­ri­en zur guten – oder schlech­ten – Ver­wen­dung die­ser Daten gibt es vie­le. Gro­ße Daten­men­gen ermög­li­chen einer­seits neue Ana­ly­se­mög­lich­kei­ten. Aus­wer­tun­gen, die Maschi­nen schnel­ler und zuver­läs­si­ger durch­füh­ren kön­nen als der Mensch, kön­nen ihm eine gute Grund­la­ge für bes­se­re Ent­schei­dun­gen lie­fern. Künst­li­che Intel­li­genz als (Background-)Assistent des Men­schen. Viel­leicht auch als Implan­tat und Pro­the­se. Oder als Intel­li­genz­ver­stär­ker. Im Beruf des Arz­tes, Secu­ri­ty Ana­ly­ti­kers, Rich­ters oder Ver­si­che­rungs­agen­ten. Oder auch im Pri­va­ten. Die Schat­ten­sei­te heißt „pre­dic­tive ana­ly­tics“. Im Thril­ler, wie Marc Els­bergs Zero, wird eine Tech­nik insze­niert, die die Macht über den Men­schen erlangt, indem sie ihn kon­trol­liert, über­wacht, spä­ter steu­ert oder gar neu erfin­den kann. Die Gren­ze zwi­schen Emp­feh­lung und Anwei­sung schwin­det, wenn die Anrei­ze – öko­no­mi­scher, gesell­schaft­li­cher oder psy­cho­lo­gi­scher Art – zu stark wer­den, um noch eigen­stän­di­gen Hand­lungs­al­ter­na­ti­ven Raum zu las­sen. Doch anders als im Indus­trie­zeit­al­ter kommt der Unter­drü­cker nicht von außen, son­dern von innen: Wir unter­drü­cken uns selbst, schreibt Byung Chul‐​Han in Psy­cho­po­li­tik.

Die Fra­ge, ob es Face­book in zehn Jah­ren noch gibt, ob das Unter­neh­men dann sei­ne Finanz­kraft als Wag­nis­ka­pi­tal­ge­ber nutzt, sich in sozia­len Pro­jek­ten, im Umwelt­schutz oder für Welt­raum­rei­sen enga­giert, ein neu­es Geschäfts­mo­dell ver­folgt, der Markt noch nicht gesät­tigt ist und die sozia­len Medi­en als Trend eine Deka­de über­ste­hen oder sich bei­spiels­wei­se in eine Dik­ta­tur, ja eine Tyran­nei ver­wan­delt, die mit eige­nen Nach­rich­ten­diens­ten die öffent­li­che Mei­nung mani­pu­lie­ren und Wahl­er­geb­nis­se beein­flus­sen könn­te, wird man heu­te nicht abschlie­ßend beant­wor­ten kön­nen. Ein klei­ner Hin­weis soll­te uns den­noch zu den­ken geben: Im Jahr 2015 wur­den erst­ma­lig mehr Cybersecurity‐ als Social‐​Media‐​Start‐​ups gegrün­det. Ende des Homo Ludens, des Spaß­men­schen, der Fotos von sei­nem Mit­tag­essen ins Inter­net pos­tet? Even­tu­ell. Ein neu­er Trend? Womög­lich. „Selbst wenn der Mensch alles kann, so doch gewiss nicht auf belie­bi­ge Wei­se“, bemerkt Lem in Sum­ma Tech­no­lo­giae, „[w]enn er es wünscht, wird er am Ende jedes Ziel errei­chen – aber viel­leicht begreift er vor­her, dass der Preis, den er zah­len müss­te, das Errei­chen die­ses Zie­les sinn­los macht.“

Der Bei­trag er­schien zu­erst bei The European.

Aleksandra Sowa

Lei­te­te zusam­men mit dem deut­schen Kryp­to­lo­gen Hans Dob­ber­tin das Horst Görtz Insti­tut für Sicher­heit in der Infor­ma­ti­ons­tech­nik. Dozen­tin, Fach­buch­au­torin (u.a. „Manage­ment der Infor­ma­ti­ons­si­cher­heit“, „IT‐​Revision, IT‐​Audit und IT‐​Compliance“), kürz­lich erschien im Dietz‐​Verlag „Digi­tal Poli­tics — so ver­än­dert das Netz die Poli­tik“. Hier äußert sie ihre pri­va­te Mei­nung.#Foto by Mark Boll­horst (mark-bollhorst.de)

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