Arbeitskreis Digitale Gesellschaft

SPD Schleswig-Holstein

13. Mai 2016

Buchtipp/Wirtschaft
Daten, Märkte und ein Quäntchen Moral

Foto: Heinrich-Böll-Stiftung - CC BY-SA 2.0

Ob Unternehmer, Verbandsfunktionäre oder Wirtschaftsjournalisten: „[e]s ist, als gingen sie alle, sobald sie die Kampfarena der Märkte betreten, stolz durch ein Tor mit der Aufschrift ‚Hier endet die Welt der gesellschaftlichen Normen von Moral und Sittlichkeit‘“, schreibt Thomas Meyer in seinem aktuellen Artikel „Moral, Grundrecht und Märkte“ in Neue Gesellschaft –Frankfurter Hefte. Als sei die Wirtschaft eine Art exterritoriales Gelände, auf dem den moralischen Gesetzen bestenfalls eine Rolle am Rande zugestanden wird.

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Foto: NG-FH

Im großen Stil zeigte zuletzt die Weltfinanzkrise von 2008, bei der die Regierungen mit Steuergeldern die Kreditinstitute retteten, wie sehr die Märkte von moral- und rechtgeleiteten gesellschaftlichen Vorleistungen, Sicherungen, Begrenzungen und Ergänzungen abhängig sind, „also von Voraussetzungen, die sie selbst zwar nicht gewährleisten, aber durchaus zerstören können, wenn sie aus der Rolle des Dieners der Gesellschaft in die des Herren wechseln“. Für die Grundrechte, verstanden als dieser Teil der gemeinsamen Moral, der für alle verpflichtend und sanktionsbewährt ist, sei die Wirtschaftsmacht nicht weniger bedrohlich als „ungezügelte“ Staatsgewalt. Umso gefährlicher, weil sie nicht im Rampenlicht steht und Menschen in besonderer Abhängigkeit betrifft. „Es hat sich historisch erwiesen, dass selbstregulierende Märkte nicht nur systematisch zentrale Grundrechte verletzen, sondern auch in ihrer rein wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit hochgradig problembehaftet sind und selbstdestruktive Dynamiken entfalten“, so Meyer. Und ohne ebendiese Werte – ob nun sittliche Orientierung im Umgang mit den Absprachen und Verträgen, Respekt für Menschen und Gesetze oder wechselseitiges Vertrauen – kann der Markt nicht funktionieren. „Es zeigt sich, dass selbst der Egoismus privater Nutzenmaximierung nur so lange funktioniert, wie er in ebenjene Welt des Vertrauens und der Gegenseitigkeit eingebettet ist, die er verhöhnt.“

Im Internet, das für Zygmunt Bauman nun als Verstärker der Offlinetrends gilt, wird dieses Phänomen ad extremum geführt. Computer sind nicht an allem Schlechten schuld, wie die eher auf der Oberfläche surfenden Kritiker meinen, sie seien Werkzeuge, so Bauman in Daten, Drohnen, Disziplin, „die uns schließlich lediglich bei dem unterstützen, was wir sowieso tun würden, ob in trauter Heimarbeit oder mit Unterstützung topaktueller angesagter Technologien“. Das Netz bietet einfach bessere Möglichkeiten, das zu tun, was man sowieso immer tun wollte, aber mangels geeigneter Werkzeuge nicht tun konnte. Das gilt mitnichten nur für das Dark Net. Im Erwerbshandeln der Internetkonzerne schlägt die (wirtschaftliche) Freiheit besonders schnell in Zügellosigkeit um. In ihrem Wettrennen um die wirtschaftliche Vormachtstellung scheinen sie, wie das Taxiunternehmen Uber, keinen Halt vor den lokalen oder nationalen Gesetzen zu machen. Auch ihr Verständnis dafür, was zu Ware gemacht werden darf und was nicht, wird von der zwanghaften Kommerzialisierung aller Daten und Informationen, wie sie etwa bei Google oder Facebook zu beobachten ist, überschattet. Was dazu führt, dass jede noch so intime Information über die Nutzer sofort in bare Münze umgewandelt werden muss.

Bauman spricht von „Adiaphorisierung“, einem Prozess, in dem ganze Systeme und Entwicklungen von moralischen Rücksichten ausgenommen werden. Das Handeln über große Entfernungen, wie es das Netz ermöglicht, hat einen weiteren Vorteil: „[d]adurch wird ein Akteur von den Folgen seines Handelns distanziert und somit auch von jeder eigenen und fremden moralischen Beurteilung freigestellt“, so Baumann. Doch Vorsicht: „Wo [die] sittlichen Voraussetzungen fehlen, schlägt Erwerbshandeln in einen Raubzug um“, warnt Meyer. Die Maxime der asozialen Nutzenmaximierung ist weder von Gott gegeben noch eine Naturkonstante, sondern nur „eine kulturelle Konvention“.

 

Meyer, Thomas. 2016. „Moral, Grundrechte und Märkte“, in: Neue Gesellschaft – Frankfurter Hefte (Titelheft: Freie Wildbahn? Moral. Recht. Markt) 5/2016, S. 32–35.

Bauman, Zygmut/Lyon, David. 2013. Daten, Drohnen, Disziplin. Ein Gespräch über flüchtige Überwachung. Berlin: Suhrkamp.

Aleksandra Sowa

Leitete zusammen mit dem deutschen Kryptologen Hans Dobbertin das Horst Görtz Institut für Sicherheit in der Informationstechnik. Dozentin, Fachbuchautorin (u.a. "Management der Informationssicherheit", "IT-Revision, IT-Audit und IT-Compliance"), kürzlich erschien im Dietz-Verlag "Digital Politics - so verändert das Netz die Politik". Hier äußert sie ihre private Meinung.#Foto by Mark Bollhorst (mark-bollhorst.de)

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