Arbeitskreis Digitale Gesellschaft

SPD Schleswig-Holstein

12. November 2016

Grundrechte
Braucht Digitalisierung digitale Grundrechte?

Technologie als Herausforderung für die Demokratie 

„Ver­fas­sun­gen sind etwas Gege­be­nes, zugleich aber auch etwas zur Wei­ter­ent­wick­lung Auf­ge­ge­be­nes“, erin­ner­te die Lei­te­rin Medi­en­po­li­tik der Friedrich-​Ebert-​Stiftung (FES), Johan­na Nie­sy­to, zur Eröff­nung der Podi­ums­dis­kus­si­on „Leben im Netz“ an die Wor­te von Andre­as Voß­kuh­le. Mei­nungs­frei­heit, infor­ma­tio­nel­le Selbst­be­stim­mung, Recht auf Pri­vat­sphä­re, Kopp­lungs­ver­bot, aber auch die tech­ni­sche Durch­set­zung der Grund­rech­te mit bspw. Ver­schlüs­se­lung stan­den im Fokus der Debat­te über die Fra­ge, ob ein beruf­lich und pri­vat ver­netz­ter, teil­wei­se schon im Netz leben­der Bür­ger neue – digi­ta­le – Grund­rech­te braucht.

Und falls ja, wel­che.

Die­se Fra­ge beschäf­tig­te zuvor auch schon das Deut­sche Insti­tut für Ver­trau­en und Sicher­heit im Inter­net (DIVSI). In einer aktu­el­len Stu­die unter­such­te das DVISI, ob es über­haupt eine digi­ta­le Dimen­si­on der Grund­rech­te gibt. Und ob das Grund­ge­setz für das neue, digi­ta­le Zeit­al­ter taug­lich ist. „Das Grund­ge­setz“[1], erklä­ren Auto­ren der Stu­die, „ist als Ant­wort auf eine bestimm­te his­to­ri­sche Situa­ti­on kon­zi­piert wor­den – daher steht die klas­si­sche Abwehr­di­men­si­on der Grund­rech­te im Vor­der­grund.“ Jetzt gin­ge es dar­um, der Abwehr­di­men­si­on eine Schutz­kom­po­nen­te hin­zu­zu­fü­gen.

Die Fra­ge nach digi­ta­ler Dimen­si­on der Grund­rech­te konn­te in der Stu­die rasch bejaht wer­den: Sie exis­tiert. Per­sön­lich­keits­rech­te oder akti­ve Hand­lungs­wei­sen (vom Ver­samm­lungs­recht bis zu pri­va­ten Rück­zugs­räu­men) bean­spru­chen online den glei­chen Schutz wie off­line. Die zwei­te Fra­ge nach der „Taug­lich­keit“ des Grund­ge­set­zes ist den­noch „nicht zwin­gend eben­falls posi­tiv zu beant­wor­ten“, so das Ergeb­nis der Stu­die. Neben der Abwehr­wir­kung des Grund­ge­set­zes sei­en es die staat­li­chen Schutz­pflich­ten und die (mit­tel­ba­re) Dritt­wir­kung der Grund­rech­te, die es zu akti­vie­ren gilt. Denn gera­de „[d]ie Beein­träch­ti­gung durch pri­va­te Drit­te (oder ande­re Staa­ten) wird bei den digi­ta­len Rech­ten zur Regel“[2].

Grund­rech­te, erin­ner­te die Wis­sen­schaft­le­rin Julia Poh­le bei FES, gel­ten zwi­schen Bür­ger und Staat. Nun müs­se der Staat gewähr­leis­ten, dass die Grund­rech­te auch gegen­über Drit­ten gel­ten. Ob es sich dabei um freie Mei­nungs­äu­ße­rung, Zen­sur, Hate­speech oder Cyber­mob­bing han­delt: „Wenn ein Unter­neh­men die Öffent­lich­keit prägt“, so Mar­tin Dör­mann, MdB, im „Klar­text der FES, „dann hat es eine gesell­schaft­li­che und poli­ti­sche Ver­ant­wor­tung.“ Und bestä­tigt, dass Selbst­ver­pflich­tun­gen, die Unter­neh­men wie Twit­ter oder Face­book ein­ge­gan­gen sind, von der Task Force des Jus­tiz­mi­nis­te­ri­ums als nur zu einem bestimm­ten Grad erfolg­reich bewer­tet wur­den. „Bei aller Zuver­sicht, dass der Gesetz­ge­ber den Schutz der Grund­rech­te vor pri­va­ten Beein­träch­ti­gun­gen sichert, bleibt gleich­wohl die […] begrenz­te Steue­rungs­kraft eines Natio­nal­staats im Hin­blick auf glo­ba­le Sach­ver­hal­te das wohl dring­lichs­te Pro­blem“[3], bestä­ti­gen Auto­ren der DIVSI-​Studie. Im Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um prü­fe die Task Force des­we­gen jetzt auch ande­re Lösun­gen, so Dör­mann.

War­um man nicht schon frü­her bei ähn­li­chen Ent­wick­lun­gen das Grund­ge­setz nicht reka­pi­tu­liert hat? Dies, so Hoff­mann et al., liegt in der tech­ni­schen und gesell­schaft­li­chen Natur des Inter­nets begrün­det, die erst­mals „in der Lage ist, nahe­zu das gesam­te mensch­li­che – und damit auch das grund­recht­lich erfass­te – Ver­hal­ten abzu­bil­den“[4]. Tech­ni­sche und gesell­schaft­li­che Inno­va­tio­nen, wie das Inter­net, hat es bis­her nicht vie­le gege­ben – und es wird künf­tig ver­mut­lich nicht vie­le geben. Sie stel­len den­noch immer wie­der eine Her­aus­for­de­rung für die Rechts­ord­nung dar. Bes­se­res Ver­ständ­nis über das Digi­ta­le soll­te dabei hel­fen, nicht mit jeder neu­en Tech­no­lo­gie von vorn anfan­gen zu müs­sen. „Es ist eigent­lich ganz ein­fach“, schreibt Dr. Mat­thi­as C. Ket­te­mann in Völ­ker­recht in Zei­ten des Net­zes, bezug­neh­mend auf die Men­schen­rech­te und Pri­vat­sphä­re: alles was off­line gilt, gilt eben­falls online. So soll­ten die Grund­rech­te auch im Digi­ta­len gel­ten, so wie man das Straf­recht glei­cher­ma­ßen im Inter­net und im Gedruck­ten anwen­den müss­te. Es sei „Ver­pflich­tung der Gesetz­ge­bung, eine grund­rechts­ad­äqua­te Ord­nung unter Pri­va­ten her­zu­stel­len“[5], schla­gen die Auto­ren der DIVSI-​Studie vor.

Doch der Staat hat den Groß­teil sei­ner Macht und sei­nes Ein­flus­ses infol­ge der Pri­va­ti­sie­rung und jetzt zuneh­mend durch die Digi­ta­li­sie­rung ein­ge­büßt. „Wir haben es mit pri­va­ten Super­mäch­ten zu tun“, sagt der His­to­ri­ker Timo­thy Gar­ton Ash. In einer „Smar­ten Dik­ta­tur“ gibt es wie­der vor­de­mo­kra­tisch ver­fass­te Pri­vat­or­ga­ni­sa­tio­nen mit gesell­schaft­li­cher Reich­wei­te, die das Leben von Men­schen regle­men­tie­ren, zitiert Mar­tin Rost vom Arbeits­kreis (AK) Digi­ta­le Gesell­schaft den Autor Harald Wel­zer. „Es ist nor­ma­tiv zu regeln, wie Orga­ni­sa­tio­nen mit Men­schen umge­hen dür­fen“, so Mar­tin Rost. Dafür bedarf es kei­ner spe­zi­el­len digi­ta­len Grund­rech­te, die vor­han­de­nen wür­den aus­rei­chen. „Es bedarf ein­zig und allei­ne und nach wie vor der Durch­set­zung der bestehen­den Grund­rech­te.“

Fer­ti­ge Kon­zep­te haben auch die Exper­ten des Arbeits­krei­ses nicht. Aber eine Lösung könn­te so aus­se­hen, dass Grund­rech­te als Schutz­zie­le begrif­fen wer­den und der Staat durch Defi­ni­ti­on und Imple­men­tie­rung geeig­ne­ter Maß­nah­men die Errei­chung die­ser Zie­le gewähr­leis­tet. Geeig­ne­tes Bei­spiel bie­tet der kürz­lich durch eine DDoS-​Attacke auf Dyn-​Domainserver ver­ur­sach­te Inter­net­aus­fall in den USA, bei dem eine noch unbe­kann­te Zahl der „smar­ten“ End­ge­rä­te mit Schad­soft­ware infi­ziert und als Boot­netz miss­braucht wur­de (oder viel­leicht auch noch wer­den kann). Wenn es um die Sicher­heit ver­netz­ter Gegen­stän­de geht, muss der Nut­zer dem Her­stel­ler ver­trau­en kön­nen, so Ulrich Kel­bers (MdB) Mei­nung. Die Fra­ge, die sich der Gesetz­ge­ber jetzt stel­len muss, lau­tet: „Wie muss ich den Her­stel­ler ver­pflich­ten?“

Das Recht auf infor­ma­tio­nel­le Selbst­be­stim­mung, Pri­vat­heit und Sicher­heit (auch Schutz vor Kri­mi­nel­len oder Ter­ro­ris­ten) ver­stan­den als Schutz­ziel wür­de Maß­nah­men wie Ver­pflich­tung auf Security-​by-​Design und Privacy-​by-​Design beinhal­ten. Her­stel­ler von Soft­ware, Hard­ware, Smart­pho­nes, Apps, smar­ten Rauch­mel­dern oder Kühl­schrän­ken wären so ver­pflich­tet, geeig­ne­te Schutz­maß­nah­men und Sicher­heits­kon­trol­len in Produktions- und Ent­wick­lungs­pro­zes­sen zu imple­men­tie­ren. Not­wen­dig wäre bei die­sem Kon­zept nicht nur nor­ma­ti­ve Ver­an­ke­rung sol­cher Pflich­ten, son­dern auch die Prü­fung der effek­ti­ven Umset­zung die­ser.

So soll künf­tig eine „früh­zei­ti­ge Umset­zung von Sicher­heits­an­for­de­run­gen“, die eine Berück­sich­ti­gung die­ser „bereits am Beginn einer tech­ni­schen Ent­wick­lung“ sicher­stel­len soll­te, laut Cyber-​Sicherheitsstrategie 2016 des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums des Innern (BMI) „recht­lich ein­ge­for­dert wer­den“. Damit ist im Ansatz Security-​by-​Design gemeint. Das Kon­zept des BMI umfasst jedoch nicht auto­ma­tisch Ein­füh­rung von „Pro­dukt­haf­tungs­re­geln für IT-​Sicherheitsmängel und Sicher­heits­vor­ga­ben für Hardware- und Soft­ware­her­stel­ler“, macht das Minis­te­ri­um klar. Die Opti­on von „Vor­ga­ben für eine ange­mes­se­ne Ver­tei­lung der Ver­ant­wort­lich­kei­ten“ soll­te ledig­lich geprüft wer­den.

[1] Hoff­mann, C., Luchs, A. D., Schulz, S. E., Bor­chers, K. C. (2015). Die digi­ta­le Dimen­si­on der Grund­rech­te. Das Grund­ge­setz im digi­ta­len Zeit­al­ter. DIVSI-​Perspektiven (Band 2). Nomos Ver­lag, S. 218–219. [2] Hoff­mann et al., S. 219. [3] Eben­da, S. 220. [4] Eben­da, S. 217. [5] Eben­da, S. 220.

Aleksandra Sowa

Lei­te­te zusam­men mit dem deut­schen Kryp­to­lo­gen Hans Dob­ber­tin das Horst Görtz Insti­tut für Sicher­heit in der Infor­ma­ti­ons­tech­nik. Dozen­tin, Fach­buch­au­to­rin (u.a. „Manage­ment der Infor­ma­ti­ons­si­cher­heit“, „IT-​Revision, IT-​Audit und IT-​Compliance“), kürz­lich erschien im Dietz-​Verlag „Digi­tal Poli­tics — so ver­än­dert das Netz die Poli­tik“. Hier äußert sie ihre pri­va­te Mei­nung.#Foto by Mark Boll­horst (mark-bollhorst.de)

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