Arbeitskreis Digitale Gesellschaft

SPD Schleswig-Holstein

1. Februar 2016

Digitale Agenda/IT-Sicherheit
Krieg ist der Vater aller Dinge. Auch der Disruption.

Foto: Internet Archive Book Images - Flickr Commons

„Krieg ist aller Din­ge Vater, aller Din­ge König.“ (Hera­klit von Ephe­sos)

„Mit der Digi­ta­li­sie­rung […] schei­nen sich die Gren­zen zwi­schen Wirt­schafts­po­li­tik und Diplo­ma­tie, zwi­schen Krieg und Frie­den zu ver­schie­ben“ – mit die­sen Wor­ten lud die SPD-​Bundestagsfraktion zur Kon­fe­renz „Cyber­si­cher­heit ‒ Ist Deutsch­land für das digi­ta­le Zeit­al­ter gerüs­tet?“ am 29. Janu­ar in Ber­lin ein. Erheb­li­che Her­aus­for­de­run­gen wür­den sich dadurch erge­ben, für die Sicherheits- und Ver­tei­di­gungs­po­li­tik, aber auch für die Außen- und Wirt­schafts­po­li­tik.

Den­noch schei­nen die The­men Cyber­krieg und Cyber­spio­na­ge die Nomen­kla­tur des Kal­ten Krie­ges zu beherr­schen. Frü­her soll­te man mit einem ato­ma­ren Gegen­schlag auf einen ato­ma­ren Anschlag reagie­ren und früh­zei­tig auf­rüs­ten. Heu­te soll dem Hacker­an­griff ein (prä­ven­ti­ver) Gegen­an­schlag zuvor­kom­men. In den Sech­zi­gern bau­ten sich eini­ge Science-​Fiction-​Autoren Atom­schutz­bun­ker auf ihren pri­va­ten Grund­stü­cken. Heu­te erklärt der bri­ti­sche The Eco­no­mist die Schreib­ma­schi­ne zur sichers­ten Tech­no­lo­gie des Jah­res 2016.

Die größ­te Sor­ge, so Kars­ten Gei­er, Lei­ter des Koor­di­nie­rungs­sta­bes Cyber-​Außenpolitik des Aus­wär­ti­gen Amtes, sei des­we­gen die Eska­la­ti­on eines Cyber­zwi­schen­falls. Denn auch wenn ein aus­schließ­lich mit Cyber­mit­teln aus­ge­foch­te­ner Krieg Science-​Fiction bleibt, kann ein Cyber­an­griff gleich­wohl zu einem (ech­ten) bewaff­ne­ten Kon­flikt eska­lie­ren. Es sei ein diplo­ma­ti­scher Erfolg und ein Schwer­punkt für die deut­sche OSZE-​Präsidentschaft, so Gei­er, durch Aus­bau der Cyber-​Kompetenz beim Auf­bau des eigen­ver­ant­wort­li­chen Han­delns zu hel­fen. Eben­falls zu prä­ven­ti­ven Maß­nah­men zählt das von Frau Dr. Anne­gret Ben­diek von der Stif­tung Wis­sen­schaft und Poli­tik erläu­ter­te Prin­zip der Sorg­falts­ver­ant­wor­tung. In der EU gäbe es bereits eine Norm, dafür zu sor­gen, dass auf eige­nem Ter­ri­to­ri­um kei­ne Rech­te Drit­ter ver­letzt wer­den. Das gilt ins­be­son­de­re auch für die Hacker­an­grif­fe.

Von Science-​Fiction ist noch ein zwei­tes Mal die Rede, als Dr. Gund­bert Scherf, Beauf­trag­ter für die stra­te­gi­sche Steue­rung natio­na­ler und inter­na­tio­na­ler Rüs­tungs­ak­ti­vi­tä­ten der Bun­des­wehr, das Kom­man­do Cyber- und Infor­ma­ti­ons­raum ankün­digt. Kurz: CIRK. Aus­ge­spro­chen: [kirk] – wie bei James T. Kirk, Kom­man­deur des Raum­schiffs Enter­pri­se. Infor­ma­ti­ons­tech­no­lo­gie sei für die Bun­des­wehr bereits Kern­res­sour­ce und Big Data wich­tig für eine bes­se­re Auf­klä­rung. „Digi­ta­li­sie­rung der Streit­kräf­te ist ein dis­rup­ti­ver Trend“, sagt Scherf und bestä­tigt damit wie­der mal die Ver­mu­tung der Exper­ten, es hät­te sich auch bei der Bun­des­wehr inzwi­schen her­um­ge­spro­chen, dass durch die Digi­ta­li­sie­rung und welt­wei­te Ver­net­zung neue Mög­lich­kei­ten der Kriegs­füh­rung ent­stan­den sei­en.

Frank Rie­ger vom CCC warnt davor, Cyber­at­ta­cken als Natur­ka­ta­stro­phen zu sehen. Pro­blem sei vor­ran­gig eine schlech­te Soft­ware. Und dage­gen lie­ße sich etwas unter­neh­men. Die Lösung: mehr gute Infor­ma­ti­ker und Geld für ihre Aus­bil­dung. Prof. Dr. Gabi Dreo Rodosek von der Uni­ver­si­tät der Bun­des­wehr Mün­chen warnt, dass auch wenn man den Stu­den­ten das gute und siche­re Pro­gram­mie­ren bei­brin­ge, die Sicher­heit oft­mals an der stei­gen­den Kom­ple­xi­tät der Sys­te­me schei­te­re. Kom­ple­xi­tät sei der Erz­feind der Sicher­heit. Auch man­che Inter­net­kon­zer­ne rücken in die Kri­tik: man sol­le die „patch­days“ am bes­ten ganz abschaf­fen. Dr. Mar­cel Dic­kow von der Stif­tung Wis­sen­schaft und Poli­tik fügt hin­zu, nicht die feh­len­den guten Pro­gram­mie­rer, son­dern die Staa­ten sei­en an dem Pro­blem schul­dig. Denn es sei­en die Regie­run­gen und ihre Geheim­diens­te, wel­che die Lücken und Schwach­stel­len in der Soft­ware nut­zen wür­den.

Des­we­gen soll­te künf­tig für die Soft­ware das gel­ten, was beim Auto schon lan­ge gang und gäbe ist. So wie man Brem­sen, Air­bags oder auch (eigent­lich) die Abgas­wer­te tes­ten kann, so kann man auch für Soft­ware Indi­ka­to­ren auf­stel­len, nach denen ihre Sicher­heit getes­tet wird, pos­tu­liert Rie­ger. Dann könn­te in einem sol­chen Software-​Zertifikat bei­spiels­wei­se ste­hen: Die­se Soft­ware ist schlecht, weil ers­tens, zwei­tens etc. 15 Punk­te wür­den rei­chen. Des­we­gen sei es rich­tig, poin­tiert Lars Kling­beil, netz­po­li­ti­scher Spre­cher der SPD-​Bundestagsfraktion, dass Deutsch­land und Euro­pa die „digi­ta­le Sou­ve­rä­ni­tät“ wie­der­erlan­gen. Die Zei­chen dafür stün­den gut, ins­be­son­de­re wegen der vie­len Start-​Ups für Sicher­heit und Ver­schlüs­se­lung, die in der letz­ten Zeit gegrün­det wur­den. Die­se möch­te man wei­ter­hin för­dern.

Bei der Begrü­ßung kün­dig­te Dr. Rolf Müt­zenich, stell­ver­tre­ten­der Vor­sit­zen­der der SPD-​Bundestagsfraktion, an, man möch­te auf der Kon­fe­renz nicht nur über das The­ma Cyber­si­cher­heit inter­dis­zi­pli­när spre­chen, son­dern auch über die Frei­heits­rech­te. So weit ist man in den weni­gen Stun­den dann doch nicht gekom­men, aber die Frei­hei­ten blie­ben wenigs­tens nicht uner­wähnt. Kars­ten Gei­er vom Aus­wär­ti­gen Amt fass­te den Trend mit den Wor­ten von Ben­ja­min Fran­k­lin zusam­men, dass wer auf Frei­hei­ten ver­zich­te, um Sicher­heit zu gewin­nen, weder Frei­heit noch Sicher­heit ver­dient hät­te.

„Krieg ist aller Din­ge Vater, aller Din­ge König“, schrieb ca. 510 v. Chr. Hera­klit von Ephe­sos. Der Krieg wür­de die einen zu Göt­tern machen, die ande­ren zu Men­schen. Die einen macht er zu Skla­ven – und die ande­ren eben erst zu „Frei­en“. Das ist ein dis­rup­ti­ver, wenn auch 2,5 tau­send Jah­re alter Gedan­ke. Es bleibt abzu­war­ten, ob dar­aus jetzt auch ein wei­te­rer dis­rup­ti­ver Trend wird. Neben der Digi­ta­li­sie­rung der Streit­kräf­te.

 

Mehr Lesen:

„Stern der Krie­ge. Wie die Digi­ta­li­sie­rung die moder­ne Kriegs­füh­rung ver­än­dert.“ In: Neue Gesell­schaft — Frank­fur­ter Hef­te (1/​2 2016, S. 78 ff.). Auch digi­tal, als Brow­ser­ver­si­on oder als App — für PC/​Mac, Smart­pho­ne und Tablet: http://dietz-verlag.de/e-paper-lesen.htm

Aleksandra Sowa

Lei­te­te zusam­men mit dem deut­schen Kryp­to­lo­gen Hans Dob­ber­tin das Horst Görtz Insti­tut für Sicher­heit in der Infor­ma­ti­ons­tech­nik. Buch­au­to­rin (u.a. „Metri­ken – der Schlüs­sel zum erfolg­rei­chen Secu­rity und Com­pli­ance Moni­to­ring“, „IT-​Revision, IT-​Audit und IT-​Compliance“); aktu­ell in einem gro­ßen Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­kon­zern tätig. Hier äußert sie ihre pri­va­te Mei­nung.

#Foto by Mark Boll­horst (mark-bollhorst.de)

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