Arbeitskreis Digitale Gesellschaft

SPD Schleswig-Holstein

30. Juli 2018

Arbeiten 4.0
Die neue schöne Arbeitswelt: Roboter übernehmen… nicht

Foto: Collision Conf - CC BY 2.0

Es gäbe kei­ne per se schlech­te oder gute Tech­no­lo­gie, schrieb der Futu­ro­lo­ge Sta­nis­law Lem in Sum­ma Tech­no­lo­giae, „[s]ie lie­fert die Mit­tel und Werk­zeu­ge – das Ver­dienst bzw. die Schuld für ihre gute oder schlech­te Ver­wen­dung liegt bei uns“. So wie die­se Aus­sa­ge frü­her auf die – fried­li­che und weni­ger fried­li­che – Anwen­dung von Atom­ener­gie zutraf, trifft sie heu­te auch auf das Inter­net, die Ver­net­zung und Digi­ta­li­sie­rung zu.

Mit der Ver­brei­tung des Inter­nets schien vor eini­gen Jah­ren end­lich das Mit­tel gegen die Pro­ble­me moder­ner Demo­kra­ti­en gefun­den wor­den zu sein. Von Enthu­si­as­ten wur­de es zur „Tech­no­lo­gie der Frei­heit“ (Ithiel de Sola Pool) und zum Revi­val der „athe­ni­schen Demo­kra­tie“ (Al Gore) erho­ben. Das Inter­net wur­de als ein poli­tisch beson­ders attrak­ti­ves Medi­um ein­ge­stuft, da es nicht nur eine Fül­le von Infor­ma­tio­nen bereit­stellt, son­dern als Ort poli­ti­scher Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on und glo­ba­ler Ver­stän­di­gung Bür­ger mit gleich­lau­ten­den Zie­len mit­ein­an­der ver­bin­det und deren poli­ti­sche Durch­set­zungs­kraft bün­delt. Auf lan­ge Sicht hät­te das Inter­net sogar direk­te Bür­ger­be­tei­li­gung und Ent­schei­dun­gen in Online­refe­ren­den ermög­li­chen und poli­ti­sche Ver­tre­ter sowie Inter­me­diä­re voll­kom­men über­flüs­sig machen kön­nen. Mit­tel­fris­tig woll­te man sich damit begnü­gen, sei­ne Stär­ken zur Ver­bes­se­rung der Par­ti­zi­pa­ti­on und poli­ti­schen Kom­mu­ni­ka­ti­on zu nut­zen: die Inter­ak­ti­on zwi­schen den Bür­gern ver­bes­sern, die Mit­spra­che bei poli­ti­schen Ent­schei­dun­gen und den poli­ti­schen Dis­kurs erleich­tern, den infor­mier­ten Bür­ger her­bei­be­schwö­ren.

Digi­ta­le Arbeits­wel­ten

Das Inter­net soll­te nicht nur die Demo­kra­tie revi­ta­li­sie­ren, son­dern auch Lebens- und Arbeits­welt radi­kal ver­än­dern: Jeder soll­te von über­all und zu jeder­zeit arbei­ten kön­nen; dank Netz und Tele­fon­kon­fe­renz soll­te es uns von den grau­en Wän­den der Büros und den Schreib­ti­schen befrei­en. Am Strand, in der Dat­sche, im Auf­zug oder im Super­markt – über­all hät­te man arbei­ten kön­nen. Die neue Arbei­ter­klas­se: infor­miert, selbst­be­wusst, selbst­be­stimmt – und selbst­stän­dig.

Zwar gibt es heu­te kaum Büro­wän­de mehr und teil­wei­se auch kei­ne Büro­ti­sche, aber nur, weil sie den moder­nen mobi­len und agi­len Arbeits­plät­zen gewi­chen sind, wie die Groß­raum­bü­ros gern bezeich­net wer­den. Noch mehr ent­täuscht dürf­ten Frau­en sein, denen man ver­spro­chen hat, dank Inter­net end­lich mit High Heels ins Büro kom­men zu kön­nen, denn sie wür­den dank moder­ner Kommunikations­technologien nicht mehr hin­ter dem Zug oder zum nächs­ten Gate ren­nen müs­sen. Doch es kam anders.

Digi­ta­le Trans­for­ma­ti­on revo­lu­tio­niert die Arbeits­welt, gewiss. Nur ist die Rich­tung der Ver­än­de­rung eine ande­re, als in den Visio­nen, die man vor den Men­schen noch in den 90ern aus­ge­brei­tet hat. Und die­se Rich­tung, stel­len die Auto­ren der WISO-​direktMacht­ver­schie­bung in der digi­ta­len Arbeits­welt“ (11/​2018) – Micha­el Schwemm­le und Peter Wed­de – fest, heißt: Ent­si­che­rung, Ent­kol­lek­ti­vie­rung und Ent­mäch­ti­gung.[1]

Ent­si­che­rung

Digi­ta­le Tech­nik, schrei­ben Schwemm­le und Wed­de „und ihre Anwen­dung zu betriebs­wirt­schaft­li­chen Ratio­na­li­sie­rungs­zwe­cken“ wür­den die „Ent­si­che­rung der abhän­gi­gen Erwerbs­tä­tig­keit in zwei­er­lei Hin­sicht for­cie­ren“. Ers­tens durch die Ersetz­bar­keit mensch­li­cher Arbeit durch Tech­nik, womit zahl­rei­che Beru­fe, Kom­pe­ten­zen und Fer­tig­kei­ten obso­let wer­den soll­ten. Die zwei­te Ursa­che ist die Ver­brei­tung „platt­form­ba­sier­ter Geschäfts­mo­del­le“, die „hyper­fle­xi­ble Arbeits­kraft­nut­zung“ ermög­li­chen. Sie for­cie­ren Arbeits­mo­del­le, bei denen man Arbeits­kräf­te „wie eine Lam­pe an- und aus­schal­ten kann“, und indu­zie­ren ein deut­li­ches Macht­über­ge­wicht der Auf­trag­ge­ber bzw. Arbeit­ge­ber gegen­über den (meist selbst­stän­di­gen) Arbeits­kräf­ten.

Ent­kol­lek­ti­vie­rung

Die digi­ta­le Tech­nik, so Schwemm­le und Wed­de, „trägt […] erheb­lich zur Ero­si­on einer his­to­ri­schen Kon­fi­gu­ra­ti­on bei, in der der Schutz des und der Ein­zel­nen durch die Gemein­schaft erfolg­te“[2]. Drei Fak­to­ren beför­dern die Ver­ein­ze­lung und erschwe­ren die Soli­da­ri­sie­rungs­pro­zes­se: Ent­kopp­lung von einem fes­ten Arbeits­platz, die bewirkt, dass sich der Arbeit- bzw. Auf­trag­ge­ber nur „räum­lich ver­spreng­ten“ Ein­zel­kämp­fern gegen­über­sieht, „ohne schlag­kräf­ti­ge Inter­es­sen­ver­tre­tung“. Dif­fe­ren­zie­rung bei der Bewer­tung, Kon­trol­le und Leis­tungs­be­mes­sung der „arbei­ten­den Indi­vi­du­en“, die dank Ver­füg­bar­keit immer meh­re­re Daten über ihre Arbeit mög­lich ist, „erschwert die Pro­zes­se der Soli­da­ri­sie­rung, die in der Regel ein mehr oder min­der aus­ge­präg­tes Gleich­heits­emp­fin­den vor­aus­set­zen“. Und zuletzt Kon­kur­renz, die nicht nur auf den Arbeits­platt­for­men herrscht, „son­dern […] auch durch die­se aus­ge­übt“ und durch „Unter­bie­tungs­wett­be­wer­be“ cha­rak­te­ri­siert wird. Das Macht­gleich­ge­wicht ver­schiebt sich zuguns­ten der Arbeit-​Anbieter, der Anpas­sungs­druck wirkt sich auch auf den Bereich der (noch regu­lä­ren) Beschäf­ti­gung aus.

Ent­mäch­ti­gung

Noch sel­ten wird die Fra­ge gestellt, so Schwemm­le und Wed­de, „wel­che Fol­gen ein immer enge­rer Daten­zu­griff auf Erwerbs­tä­ti­ge für die Macht­ver­hält­nis­se im Arbeits­le­ben haben wird“. Einer­seits wer­den dadurch die Mög­lich­kei­ten der Über­wa­chung und Kon­trol­le der Beschäf­tig­ten erwei­tert, damit aber zugleich ihre Per­sön­lich­keits­rech­te und Schutz der Pri­vat­sphä­re am Arbeits­platz auf­ge­weicht. Durch digi­ta­le Steue­rung bspw. durch soge­nann­te Assis­tenz­sys­te­me, wie Daten­bril­le oder Navi­ga­ti­ons­hil­fen, wer­den Daten über die Arbeits­ab­läu­fe und -pro­zes­se gesam­melt und aus­ge­wer­tet, um „Anlei­tun­gen zur vor­geb­lich opti­ma­len Erle­di­gung der jewei­li­gen Auf­ga­be“ zu geben. Dies schränkt einer­seits die Hand­lungs­au­to­no­mie der Beschäf­tig­ten, sam­melt aber zugleich Men­gen an Daten, die den Men­schen, die die Assis­tenz­sys­te­me nut­zen, aus­tausch­bar machen. „Hin­zu kommt, dass die aus der digi­ta­len Durch­drin­gung der Produktions-, Arbeits- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ab­läu­fe gene­rier­ten Daten­flüs­se in ganz asym­me­tri­scher Wei­se in ers­ter Linie den Arbeitgeber_​innen zugu­te­kom­men“[3].

Eins haben alle drei Phä­no­me­ne gemein­sam: Es han­delt sich um kei­ne Neu­erschei­nung, und sie gehen nicht allei­ne auf die Digi­ta­li­sie­rung zurück. Wobei sich die The­sen des Sozio­lo­gen Zyg­munt Bau­man zu bestä­ti­gen schei­nen: Com­pu­ter „haben ihren licht­schnel­len Auf­stieg der Tat­sa­che zu ver­dan­ken, dass sie ihren Nut­zern bes­se­re Mög­lich­kei­ten bie­ten, das zu tun, was sie schon immer tun woll­ten, aber man­gels geeig­ne­ter Werk­zeu­ge nicht tun konn­ten“, sag­te Bau­man in Daten, Droh­nen, Dis­zi­plin.[4] So gese­hen spie­gelt das Inter­net – und nun in der Arbeits­welt die Digi­ta­li­sie­rung – „ledig­lich die Impul­se des wirk­li­chen Lebens wider“[5].

Fazit

„Nicht die in man­cher dys­to­pi­schen Erzäh­lung beschwo­re­ne Macht­über­nah­me einer digi­ta­len Maschi­ne­rie – in Gestalt von Robo­tern, Algo­rith­men oder künst­li­cher Intel­li­genz – zeich­net sich hier ab. Es droht viel­mehr ein mas­si­ver Aus­bau von Herr­schafts­po­si­tio­nen der­je­ni­gen, die über die­se digi­ta­le Maschi­ne­rie ver­fü­gen und damit über deren Ent­wick­lungs­zie­le und Ein­satz­be­din­gun­gen ent­schei­den“,

kon­ze­die­ren die Auto­ren.

Dem Fata­lis­mus zum Trotz sehen die Auto­ren die Mög­lich­keit einer Trend­wen­de: „Wol­len wir die Poten­tia­le der Digi­ta­li­sie­rung nut­zen und ihre nega­ti­ven Fol­gen ein­däm­men, müs­sen wir die Digi­ta­li­sie­rung poli­tisch gestal­ten“[7], so Schwemm­le und Wed­de. For­de­run­gen nach Betei­li­gung der Poli­tik oder gar Regu­lie­rung wer­den immer lau­ter. Sogar aus den Rei­hen der Tech­kon­zer­ne, wo bspw. der Google-​Chef mit Regu­lie­rungs­wün­schen vor­ge­sto­chen ist. Aber auch aus der Auf­sicht selbst, die sich ihrer Rol­le zuneh­mend bewusst zu sein scheint. Wie zum Bei­spiel der Chef der Finanz­auf­sichts­be­hör­de BaFin, Felix Hufeld, der in der Gast­ko­lum­ne der Wirt­schafts­Wo­che (WiWo 25/15.6.2018) Nut­zen und Risi­ken des Ein­sat­zes von Daten­tech­nik und künst­li­cher Intel­li­genz abwäg­te: „Gefragt sind auch Gesetz­ge­ber und Regu­lie­rer“, schrieb er. „Sie müs­sen den Rah­men so wei­ter­ent­wi­ckeln, dass sich die posi­ti­ven Kräf­te der Digi­ta­li­sie­rung ent­fal­ten kön­nen und Risi­ken mini­miert wer­den.“ Es sei ein Balan­ce­akt, gab Hufeld zu, „aber einer, der gelin­gen kann“[8]. Schwemm­le und Wed­de haben gleich sie­ben Punk­te – von „Recht auf Nicht­er­reich­bar­keit“ bis zur Stär­kung der Rech­te von Platt­form­ar­bei­tern und „Recht auf Wei­ter­bil­dung“ – auf­ge­schrie­ben, wie und was die Poli­tik und der Gesetz­ge­ber kon­kret für die Beschäf­tig­ten tun kann.

 

[1] Schwemm­le, M. und Wed­de, P. 2018. „Macht­ver­schie­bung in der digi­ta­len Arbeits­welt“, WISO-​direkt (11/​2018), Friedrich-​Ebert-​Stiftung, Bonn [2] Eben­da, S. 2 [3] Eben­da, S. 3 [4] Bau­man, Z. und Lyon, D. 2013. Droh­nen, Daten, Dis­zi­plin. Suhr­kamp Ver­lag: Ber­lin, S. 66–67 [5] De Saint Vic­tor, J. 2015. Die Anti­po­li­ti­schen. Ham­bur­ger Edi­ti­on: Ham­burg, S. 82 [6] Schwemmle/​Wedde, S. 3 [7] Eben­da, S. 1 [8] Hufeld, F. 2018 „Der glä­ser­ne Ver­brau­cher muss bes­ser geschützt wer­den“ Gast­kom­men­tar, Wirt­schafts­Wo­che (WiWo 25/15.6.2018), S. 10.

Aleksandra Sowa

Lei­te­te zusam­men mit dem deut­schen Kryp­to­lo­gen Hans Dob­ber­tin das Horst Görtz Insti­tut für Sicher­heit in der Infor­ma­ti­ons­tech­nik. Dozen­tin, Fach­buch­au­to­rin (u.a. „Manage­ment der Infor­ma­ti­ons­si­cher­heit“, „IT-​Revision, IT-​Audit und IT-​Compliance“), kürz­lich erschien im Dietz-​Verlag „Digi­tal Poli­tics — so ver­än­dert das Netz die Poli­tik“. Hier äußert sie ihre pri­va­te Mei­nung.#Foto by Mark Boll­horst (mark-bollhorst.de)

More Posts

Fol­low Me:
TwitterLinkedInGoogle Plus

Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.